Mythen über EU-Förderung für Startups aufgeklärt (Liesa Siedentopp)

Mythen über EU-Förderung: Eine EU-Insiderin klärt auf


Ich kenne viele Startups, bei denen das Thema „EU-Fördergelder recherchieren“ schon lange auf der To Do-Liste steht.

Ich merke aber auch, dass viele Startup-Teams zögern, sich mit dem Thema zu befassen. Denn zu dem Thema kursiert auch eine Menge Halbwissen und Hörensagen:

  • „Irgendwie passt jedes Startup doch in irgendeine EU-Förderung!“
  • „Ich habe gehört, die Fördertöpfe der EU sind riesig?“
  • „Die Förderquoten der EU sollen aber nicht besonders hoch sein.“
  • „Der Antrag für EU-Fördergelder ist mega-kompliziert!“
  • „Es bekommen sowieso nur Startups aus kleineren Ländern eine EU-Förderung.“

Für mein Buch Startup-Finanzierung habe ich die EU-Insiderin Liesa Siedentopp Ende 2019 zu den EU-Förderprogrammen für Startups interviewt.

Wie du die EU als Sprungbrett für dein Startup nutzt: Eine EU-Insiderin erzählt

Liesa Siedentopp ist seit 2015 in der EU-Agentur EASME, wo sie als Projektmanagerin und Business Developer mit dem „SME Instrument“ eines der größten und finanzstärksten Förderprogramme der EU für Startups und kleine, mittelständische Unternehmen (Small & Medium-sized Enterprises: SMEs) mit aufgebaut hat.

Seit über zwei Jahren ist sie mit ihrem Team für die Business Acceleration Services zuständig und ermöglicht den Startups mit gezielten Servicedienstleistungen und Netzwerkveranstaltungen – etwa mit europäischen Investoren- und Unternehmenskontakten, Trainings und Workshops – neue potentielle Kunden, Partner und Finanzmittel zu erschließen.

Zu den Förderprogrammen der EU erläutert Liesa Siedentopp:

„Die Startup-Förderung der EU ist gerade stark im Umbruch.

Liesa Siedentopp, Projektmanagerin und Business Developer der EU-Agentur EASME

Liesa Siedentopp, Projektmanagerin und Business Developer der EU-Agentur EASME

Wir haben in den vergangenen Jahren viel gelernt und arbeiten nun daran, unsere Programme bis 2021 unter einem Dach, dem European Innovation Council (EIC), zu bündeln und sie noch besser auf die Bedürfnisse von Startups und Kleinunternehmen zuzuschneiden.

Bereits jetzt haben wir einige wichtige Änderungen umgesetzt. So fördern wir unsere Programmteilnehmerinnen und ‑teilnehmer nicht mehr nur durch Geld, sondern bieten seit 2017 auch unterstützende Business Acceleration Services wie Trainings und Veranstaltungen gemeinsam mit relevanten Industrie- und Finanzpartnern an.

Wie ein guter Accelerator legen wir dabei großen Wert auf den messbaren Mehrwert für die Startups – darum bereiten wir die teilnehmenden Teams nicht nur individuell vor, sondern vernetzen sie vorab aktiv mit den richtigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern in den Konzernen, damit sie im besten Fall mit abgeschlossenen Verträgen oder konkreten Kooperationsvereinbarungen aus den Meetings herausgehen.

In Zukunft wird aus dem „SME Instrument“ das „EIC Accelerator“-Programm.

Es ist über zwei Jahre mit 1,8 Milliarden Euro ausgestattet ist und damit das größte und für Startups interessanteste Förderprogramm ist. Die bisherige Phase 1, bei der Startups 50.000 Euro Fördergeld für die Entwicklung eines Businessplans bekommen konnten, ist seit Mitte 2019 entfallen. Dafür erweitern wir Phase 2: Startups können weiterhin bis zu 2,5 Millionen Euro Co-Finanzierung für ein Projekt bekommen, sich aber zusätzlich auch noch um Eigenkapital von bis zu 15 Millionen Euro bewerben.

Den großen Vorteil, den wir mit dem EIC Accelerator bieten, ist unser inzwischen riesiges internationales Netzwerk, natürlich zu europäischen Investoren und Großunternehmen, aber auch zu den inzwischen ca. 5.000 Alumni-Startups unserer Förderprogramme. Leider nehmen deutsche Startups dieses Sprungbrett in den europäischen Markt noch nicht so als Chance wahr wie Startups aus anderen EU-Ländern, aus denen wir deutlich mehr Bewerbungen erhalten.

In der Tat ist der EIC Accelerator ein extrem kompetitives Programm.

Die Erfolgsquoten für den EIC Accelerator sind nicht besonders hoch. Und die Kandidaten messen sich mit den besten europäischen Wettbewerbern.

Dennoch ist es eigentlich nicht schwierig, einen erfolgreichen Antrag zu schreiben. Das Programm richtet sich gezielt an Einzelunternehmen und unterliegt keinerlei thematischen Einschränkungen, außer dass das Unternehmen disruptive Innovationen voranbringt und skalierbar ist.

Meiner Ansicht nach braucht man keinen professionellen Antragschreiber.

Wichtig ist, dass die drei abgefragten Kriterien überzeugend beantwortet werden – und idealerweise gibt eine Person mit englischer Muttersprache dem Antrag noch einen Feinschliff. In unserer Auswahljury sitzen vor allem VCs, Business Angels und Innovationsscouts, deshalb sollte der Antrag nicht nur für Technologie-Nerds verständlich sein.

In jedem Fall ist es hilfreich, sich vorab mit den regionalen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern für EU-Programme und mit erfolgreichen ehemaligen Startups auszutauschen, um so den eigenen Antrag zu verbessern. Die meisten sind gern bereit, ihre Erfahrungen weiterzugeben!

Wichtig ist auch zu wissen, dass die wenigsten Startups direkt bei ihrer ersten Bewerbung gefördert werden.

Startup-Teams können ihre Bewerbung mit unserem detaillierten schriftlichen Feedback aber verbessern und sich dann erneut bewerben – das erhöht die Chancen erheblich.

Neben dem EIC Accelerator gibt es noch andere europäische Programme, die aber speziellere Anforderungen haben. Für das FTI-Programm (Fast Track to Innovation) wird etwa ein Konsortium mit Industriepartnern gefordert, und das FET Open-Programm (Future and Emerging Technologies) – in Zukunft „EIC Pathfinder“ – richtet sich eher an interdisziplinäre Forschungsteams aus der Wissenschaft, die eine radikale innovative Idee haben.

Über unseren EIC Wizard können Startup-Teams herausfinden, welches Förderprogramm am besten zu ihnen passt. Und im EIC DataHub können sie erfolgreiche Teilnehmer verschiedener EU-Programme in ihrer Region ausfindig machen.“

Mehr zu öffentlichen Förderprogrammen für dein Startup

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie du öffentliche Förderungen für dein Startup einwirbst, findest du in meinem Buch „Startup-Finanzierung“ ein ausführliches Kapitel dazu. Darin geht es unter anderem um folgende Themen:
Startup Finanzierung - Buch-Cover

  • Wie funktionieren öffentliche Förderungen?
  • Welche Arten öffentlicher Förderungen gibt es?
  • Was ist Co-Finanzierung?
  • Öffentliche Eigenkapitalfinanzierung
  • Kreditförderung und Bürgschaften

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