Warum Muenchner Startups die Corona-Krise besser verkraften

Warum Münchner Startups die Corona-Krise besser verkraften

Viereinhalb Monate Corona-Krise haben wir bereits hinter uns. Das zurückliegende zweite Quartal 2020 war düster für die deutsche Wirtschaft, die um 10% einbrach.

Mich interessiert natürlich besonders die Frage: Wie haben deutsche Startups die Corona-Krise bisher verkraftet? Zeit, ein Zwischenfazit zu ziehen.

Die Effekte der Corona-Krise auf deutsche Startups

Das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Ernst & Young hat vor wenigen Tagen sein Startup Barometer für Juli 2020 veröffentlicht. Die Kernergebnisse der Studie sind:

  • Gesamtwert der Investitionen in Startups schrumpft im ersten Halbjahr um 22 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro
  • Aber Zahl der Investitionen steigt um 8 Prozent
  • Investitionsvolumen in Berlin fast halbiert, Bayern holt stark auf
  • Software-Startups erhalten deutlich mehr Geld
  • Starke Rückgänge bei Mobilitäts-Startups und FinTechs

Dass die Investitionen in der Rezession zurückgehen, erstaunt mich nicht. Auch dass kleinere Investments gegenüber größeren zunehmen, erscheint mir logisch. Und dass einige Branchen profitieren, während andere Nachteile haben, habe ich bereits in meinem letzten Post zu Startups in der Corona-Krise diskutiert.

Als Leiter des XPRENEURS-Accelerators in München ist mir jedoch der dritte Punkt aufgefallen: Unsere Münchner Startups scheinen ungebremst weiter Geld einzusammeln, während der Markt im Rest des Landes deutlich eingebrochen ist. Auch das Magazin Munich Startup spricht diese Auffälligkeit an:

Trotz ‚Corona-Effekt‘: Bayerische Startups sammeln fast viermal so viel Kapital ein

Wie kommt es zu diesen Erfolgsmeldungen aus München, die dem allgemeinen Trend in der Corona-Krise entgegenlaufen?

Darum verkraften Münchner Startups die Corona-Krise besser

Klar ist: Diese außergewöhnliche Situation ist eine Momentaufnahme. Die genannte Vervielfachung der Investmentsumme ist vor allem wenigen großen Deals zu verdanken wie den fast 250 Millionen Euro, die das Flugtaxi-Startup Lilium im ersten Halbjahr einsammelte.

Dennoch werden in der Corona-Krise strukturelle Vorteile Münchens sichtbar. Ich sehe hier vor allem 4 Faktoren, die den Münchner Standort insbesondere für Technologie-Startups so attraktiv und krisensicher machen:

1. Das intellektuelle und industrielle Umfeld in München ist förderlich für Technologie-Startups

In und um München gibt es mehrere Universitäten mit exzellenter Forschung und Lehre in den Bereichen Ingenieurswissenschaften, Software/IT und Wirtschaft, allen voran die TU München,  die LMU und die Hochschule München.

Gleichzeitig sind in der Gegend zahlreiche Industrieunternehmen angesiedelt, die ein großes Interesse an technischen Innovationen haben. Bekannt ist vor allem die Autoindustrie, aber auch Versicherungen und sogar Raumfahrtunternehmen. Das können Startup-Gründerinnen und -Gründer nutzen – und sogar schon als Studierende ein Raumfahrt-Startup gründen.

2. Der technologie-lastige Münchner Startup-Mix spiegelt die Branchen im Aufwind

Schaut man sich die Zukunftsbranchen für innovative Unternehmen an, ist die Münchner Startup-Szene unter den Top 5 bestens vertreten. Das macht sie auch in Zeiten der Corona-Pandemie krisenfester.

3. München zieht durch politische Stabilität und Top-Lebensqualität Talente an

Mich selbst hat es 1997 erstmals zufällig für ein Praktikum nach München verschlagen. Als überzeugter Norddeutscher hätte ich es zuvor nie für möglich gehalten, dass ich mich einmal in Bayern heimisch fühlen würde. Dann habe ich meinen ersten Job in 2000 hier begonnen – und bin 20 Jahre später immer noch da…

Nichts gegen den vielsprachigen Melting Pot Berlin mit seiner unbestritten legendären Partyszene. Aber auch München mit seiner Biergartenkultur, die malerische Natur in der Umgebung und die Nähe zu den südlichen Alpenländern sind für viele (deutsche und internationale) Arbeitskräfte sehr attraktiv. Im nationalen und internationalen Wettbewerb um die begehrtesten Talente spielt das eine wichtige Rolle.

4. München unterstützt seine Startups durch ein gewachsenes Netzwerk an starken Enablern

Dazu gehören zu allererst die Startup-Netzwerke an den Universitäten, die Studierende und Absolventinnen/Absolventen bei der Gründung und Finanzierung unterstützen. Dazu gehört mein Arbeitgeber, die gemeinnützige UnternehmerTUM. Sie begleitet von Lehrveranstaltungen an der TU München bis hin zum eigenen VC-Fonds UnternehmerTUM Venture Capital (UVC) alle Phasen der Startupentwicklung.

Die Erfolge der Unterstützung zeigt sich auch an den Ergebnissen: Unter dem Ranking Business Insider Top 100 Fastest Growing Startups 2020 finden sich 7 Startup-Gründungsteams, die wir bei XPRENEURS begleitet haben, 3 davon sogar in den Top 6 (4. Isar Aerospace, 5. Sewts, 6. Vytal, 36. Custom Surgical, 40 Maiot, 60. Prezise, 69. Yuri). Auch das vergleichsweise kleine Uni-Institut CDTM (Center for Digital Technology and Management), an dem ich seit 20 Jahren unterrichte, ist gleich 7-mal vertreten.

Auch aus der Politik gibt es Unterstützung für Gründerinnen und Gründer. Die Stadt München ist stolz auf ihr Gründungs-Ökosystem und hat eigene Beratungsstellen zusammen mit der IHK eingerichtet. Das Wirtschaftsministerium fördert Orte wie das WERK1, an denen Gründungsteams arbeiten und lernen können. Bayernweit aktiv ist das Netzwerk BayStartUp, das den renommierten Münchner Businessplan Wettbewerb (und seine regionalen Äquivalente) veranstaltet. Daraus gehen nicht selten auch Investments hervor.

Überhaupt bieten München und Bayern Startups zahlreiche Gelegenheiten, mit Investoren ins Gespräch zu kommen. Mit mehreren Acceleratoren, VC-Fonds und Dutzenden Business Angels vor Ort fällt es guten Teams oft leichter als anderswo, ein Investment einzusammeln. Stark sind die Investoren-Netzwerke und Startup-Institutionen insbesondere deshalb, weil sie über mehr als 20 Jahre gewachsen sind. Viele heutige Angels waren selber erfolgreiche Unternehmer. Angels kennen sich untereinander und sind gut vernetzt, was es nicht nur den Angels, sondern auch den Startups erleichtert, die richtigen Kontakte zu finden.

Fazit: Ein starkes Sicherheitsnetz hilft Münchner Startups durch die Corona-Krise

Was München in guten Zeiten zu einem attraktiven Standort macht, hilft Startups auch in der Corona-Krise. Besonders die institutionelle Einbettung in ein gewachsenes Netzwerk von Unterstützern hilft Münchner Startups dabei, in Krisenzeiten nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Aber auch der Fokus auf Hightech- und B2B-Produkte, der sich aus dem Industriestandort Bayern ergibt, stellt sich als langfristiger und damit krisenfester heraus als manch anderer Startup-Standort.

Gründungsteams, die sich unter diesen Bedingungen noch reinhängen und Resilienz zeigen, haben beste Chancen, die Corona-Krise gut – oder sogar mit einem neuen Geschäftsfeld – zu überstehen.

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Startup-Lösungen für die Corona-Krise

Startup-Lösungen für die Corona-Krise: 8 Fallbeispiele

Die Corona-Krise betrifft jedes Startup – aber nicht jedes Startup gleich.

Als Leiter eines Startup-Inkubators ist es für mich schwer anzusehen, wie die Pandemie manchen jungen Teams völlig unverschuldet den Boden unter den Füßen wegzieht. Tourismus-, Event- und Reise-Startups trifft die Krise hart, und das in einer Phase, in der das junge Geschäftsmodell ohnehin noch sehr zerbrechlich dasteht.

In meinem persönlichen Umfeld höre und sehe ich in den letzten Wochen auch viele positive Geschichten von Startups.

Diese Startup-Teams haben die Chance ergriffen, die ihnen die Corona-Krise bietet. Diese Geschichten möchte ich hier erzählen, um auch anderen Mut zu machen. Sie zeigen, wie der Startup-Spirit auch in Krisenzeiten helfen kann, aus einer scheinbar überwältigenden Herausforderung etwas Gutes zu machen.

KINEXON: SafeTag – ein Warnsystem für den richtigen Mindestabstand

KINEXON, ein Münchner Unternehmen aus meinem Portfolio, ist spezialisiert auf präzise Echtzeit-Lokalisierung. Seine Technologie bietet KINEXON für den Einsatz in so verschiedenen Bereichen wie der Produktion oder dem Sport an, um Insights zu generieren, die der B2B-Kunde dann zur Optimierung nutzen kann.

Angesichts der Corona-Krise hat KINEXON eine neue Anwendung für die Sensortechnologie entwickelt. Es hat sie in ein kleines Wearable integriert: den SafeTag. Angestellte in der Produktion tragen den SafeTag am Arm oder der Kleidung. Die Sensoren messen permanent den Abstand zu anderen SafeTags und geben ein visuelles oder akustisches Warnsignal ab, wenn der vorgeschriebene Mindestabstand zwischen Personen (1,5 Meter) unterschritten wird. So vermindert der SafeTag das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus in der Produktion.

Startup-Ideen gegen Corona: Kinexon SafeTag

Startup-Ideen gegen Corona: Der Kinexon SafeTag (Klicken zum Öffnen/PDF)

Smart und simpel. So muss meiner Meinung nach eine praktische Lösung aussehen. Und das erregt auch international Aufsehen.

Cliniserve: Cliniserve TEAM – Schichtmanagement für Kliniken im Krisenmodus

Cliniserve ist ebenfalls ein Startup aus meinem Portfolio. Das Unternehmen wurde 2017 gegründet und bietet zwei Software-Lösungen in einer App für die Pflege an: Cliniserve CARE, ein Aufgabenmanagement, was Pflegekräften Zeit einspart. Und Cliniserve TEAM hilft, alle Schichten möglichst einfach zu besetzen.

Weil Pflegekräfte in der Corona-Krise oft unerwartet ausfallen oder neu eingesetzt werden müssen, ist das Schichtmanagement aktuell ein besonders brennendes Thema für die Kliniken. Deshalb hat sich Cliniserve entschlossen, seine Cliniserve TEAM-Lösung während der Corona-Krise kostenfrei zur Verfügung zu stellen. So leistet das Startup seinen Beitrag zur Bewältigung der Krise – und gibt Kliniken und Pflegeeinrichtungen gleichzeitig die Chance, sein Produkt zu testen.

Ein Win-Win-Angebot und, wie ich finde, eine authentische, hilfreiche Unterstützung in der Corona-Krise.

BlinkIn: Visuelle, virtuelle Unterstützung beim Kundendienst vor Ort in Krisenzeiten

BlinkIn ist ein Startup aus dem 6. Batch von XPRENEURS, dem von mir geleiteten Münchner Startup-Inkubator. BlinkIn bietet visuelle Fernunterstützung mit künstlicher Intelligenz und Augmented Reality, also einen intelligenten visuellen Assistenten. BlinkIn wird verwendet, um eine Person durch bestimmte wichtige Aufgaben, z.B. Wartung oder Reparatur, zu führen. Der Service ist in Sekundenschnelle auf jedem Smartphone weltweit verfügbar, ohne dass eine App heruntergeladen werden muss.

In der Corona-Krise können Unternehmen den Service von BlinkIn nutzen, um ihren Kundendienst weiterzuführen, ohne dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Kundinnen und Kunden durch Kontakte gefährdet werden. Konkret wurde BlinkIn bereits genutzt, um Maschinen in Krankenhäusern zu installieren.

Co-Founder und Geschäftsführer Josef Süß erklärt, wie BlinkIn in der Corona-Krise genutzt werden kann:

Custom Surgical: MedSHIELD-19 – ein 3D-Druckplan, um Schnorchelmasken in Atemschutzmasken umzubauen

Custom Surgical, ein Startup aus dem aktuellen (7.) XPRENEURS-Batch, setzt eigentlich Smartphone-Kameras und KI ein, um in Entwicklungsländern Augenkrankheiten untersuchen zu können.

In der Corona-Krise hat das Startup mit einem sehr erfolgreichen Spinoff-Produkt von sich reden machen: Einem 3D-Druckplan, mit dem Masken zum Tauchen in Atemschutzmasken umgebaut werden können. Decathlon stellte italienischen Krankenhäusern 10.000 Tauchermasken zur Verfügung, die inzwischen umgebaut und im Einsatz sind. Und bis Ende April wurden die Pläne für das “MedSHIELD-19” auf der Website von Custom Surgical mehr als 4000 Mal heruntergeladen.

Eine echt kreative Lösung, an der das ganze Team mit Herzblut gearbeitet hat.

QYOBO: Marktdaten zu möglichen Corona-Medikamenten übersichtlich zusammengestellt

QYOBO aus dem 5. Batch von XPRENEURS ist ein B2B-Marktplatz und eine Analyseplattform, die Erkenntnisse für die chemische und pharmazeutische Industrie liefert.

Diese Kernkompetenz nutzt das Startup in der Corona-Krise, um die Lieferketten zu erweitern und die Versorgung mit den Medikamenten sicherzustellen:

Auch das ist ein toller Showcase des eigenen Produkts, das in der Corona-Krise seinen Mehrwert zeigt.

Climedo Health: Kostenlose Nutzung der Software zur Durchführung von klinischen Studien

Climedo Health, ein 2017 gegründetes Startup aus dem 3. Batch von XPRENEURS, vernetzt alle Beteiligten an klinischen Studien in einem Cloud-basierten System. Dieses ermöglicht papierlos die strukturierte Erfassung und Verwaltung aller studienbezogenen Daten.

Während der Corona-Krise bietet Climedo sein Produkt kostenlos allen Kliniken an, die Studien zur Bekämpfung des Coronavirus durchführen, wie Mitgründerin und COO Veronika Schweighart im Videointerview erklärt:

Ich drücke die Daumen, dass Climedo so nicht nur seinen Use Case demonstrieren kann, sondern auch schneller eine Behandlungsmöglichkeit für uns alle gefunden wird.

HawaDawa: Wissenschaftlichkeit in der Debatte um die weiteren Folgen der Corona-Pandemie

Hawa Dawa, ein XPRENEURS-Alumni aus dem 1. Batch, liefert Realtime-Umweltdaten durch eigene Sensorensysteme.
In der Corona-Krise zeigt sich, dass diese Daten auch in der Pandemie zu einer besseren politischen Entscheidungsfindung führen können. Konkret geht es um die Debatte zu den Folgen der eingeführten Maßnahmen. Hier kursierte zunächst die Fehlinformation, dass der Lockdown keine Wirkung auf Stickoxide habe. Diese Fehlannahme wurde für das Argument herangezogen, dass alle Fahrverbote daher auch nutzlos seien.
Mit seinen besseren und granulareren Daten zeigt HawaDawa sehr deutlich einen Effekt des Lockdowns auf die Schadstoffe in der Umgebung. Dieser Effekt ist sogar erheblich, was die zukünftige Debatte um Fahrverbote und andere Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität in eine ganz andere Richtung steuert.

ORDA: Kostenlose App unterstützt lokale Restaurants

ORDA war ebenfalls Teilnehmer im 1. Batch von XPRENEURS.

Schon die Grundidee von ORDA zielt darauf ab, lokale Restaurants zu unterstützen. Und sie passt zur aktuellen Situation, als wäre sie dafür gemacht: Mit der App können sich Nutzerinnen und Nutzer Gerichte bei Restaurants in der Nähe aussuchen, zum Abholen vorbestellen und bezahlen. Das funktioniert ganz ohne zusätzlichen Kontakt zum Menü-Durchblättern oder Bezahlen.

Startup-Ideen für die Corona-Krise: ORDA

Startup-Ideen für die Corona-Krise: ORDA unterstützt lokale Restaurants

In der Corona-Krise gehen die Gründer noch einen Schritt weiter: Aktuell ist die Listung auch für Restaurants kostenlos (für Nutzerinnen und Nutzer sowieso), um die lokalen Restaurants zu unterstützen. Eine klasse Aktion, die hoffentlich auch eine nachhaltige Wirkung für ORDA hat.

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Startup-Finanzierung in Zeiten von Corona (Kommentar von Martin Giese)

Startup-Finanzierung in Zeiten von Corona

Als Corona von einer weit entfernten Kuriosität plötzlich zu der historischen Krise wurde, die die ganze Welt in Atem hält, hatten wir gerade die ersten zwei Wochen unseres XPRENEURS-Programms mit den Startups des aktuellen Batch hinter uns. Eben noch hatten wir zusammen auf einer Berghütte gesessen, Bier getrunken und uns auf intensive 3 Monate zusammen gefreut – und nun waren wir gezwungen, unser Office am Münchner Ostbahnhof zu schließen und unseren Startup-Accelerator ins Virtuelle zu verlegen.

Auch wenn digitales Arbeiten uns nicht fremd ist, ist 100%-iges Home Office doch eine ganz neue Erfahrung für uns und die Startups. Wir haben versucht, uns so schnell wie möglich anzupassen, und wir bekommen es mittlerweile ganz gut hin. Inzwischen freue ich mich, dass ein persönliches Kennenlernen überhaupt noch möglich war. Denn das ist das, was dem Programm am meisten fehlt: die Möglichkeit, sich unkompliziert auszutauschen. Erfahrungen und Wissen ganz nebenbei in der Kaffeeküche, beim Lunch oder beim Feierabendbier weiterzugeben. Und einfach Spaß mit Gleichgesinnten zu haben.

Jenseits des Accelerators werde ich inzwischen aber oft mit einem besorgten Unterton gefragt: Wie geht es den Startups in der Corona-Krise?

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Startups aus?

Startup-Finanzierung in Zeiten von Corona

Wenn ich nach den Auswirkungen von Corona auf Startups gefragt werde, gebe ich zwei Antworten:

  • Die Corona-Krise betrifft jedes Startup. Ich kenne kein Gründerteam, das derzeit nicht einen signifikanten Anteil seiner Zeit darauf verwendet, mit der Krise und ihren Folgen im Unternehmen und außerhalb des Unternehmens umzugehen.
  • Aber: Die Corona-Krise betrifft nicht jedes Startup gleich.

Faktor 1: Die Branche des Startups

Entscheidend für die Auswirkungen der Corona-Krise auf das Startup ist in erster Linie die Branche des Startups. Tourismus-, Event- und Reise-Startups haben es nun um ein Vielfaches schwerer als vorher. Andere Startups ergreifen neue Chancen: KINEXON beispielsweise hat eine Anwendung für seine Sensor-Technologie entwickelt, um Social Distancing innerhalb von Unternehmen wirkungsvoll umzusetzen.

Im zweiten Teil dieses Blogs präsentiere ich einige Startups, deren Lösungen mich besonders beeindruckt haben.

Faktor 2: Geschäftsmodelle für die Zeit nach der Krise

Und auch für die Zeit nach der Krise ergeben sich neue Chancen, denn ich bin ziemlich sicher, dass die Welt dann nicht mehr so aussehen wird wie vorher. Beispiel Home Office: Ich bin sicher, dass diese Arbeitsform weit stärker verbreitet bleibt als vorher. Und das hat Auswirkungen auf die Art und das Ausmaß der Mobilität und die Nutzung von Gewerbeimmobilien.

Auch die Digitalisierung von Unternehmensprozessen hat einen Anschub bekommen. Diese Chancen können Startups nutzen.

Faktor 3: Verfügbarkeit von Kunden

Bei XPRENEURS merke ich, dass insbesondere B2B-Startups auf der Suche nach Kunden mit einer weiteren Herausforderung kämpfen: den ohnehin schon schwierig zu überzeugenden Pilotkunden zu finden. Denn derzeit zeigen sich die meisten Unternehmen sehr entscheidungsscheu. Wer weiß schon, wie es in ein paar Wochen oder Monaten aussieht? Im Krisenmodus werden leider eher Rotstifte gezückt als Investitionen in langfristige Innovation getätigt.

Aber auch praktische Probleme bei der Kundenakquise tauchen auf. Ein Startup konnte angefangene Gespräche plötzlich nicht mehr weiterführen: Die Ansprechpartner waren in Kurzarbeit oder im Home Office und die Festnetznummer der Ansprechpartner nicht mehr erreichbar.

Faktor 4: Umsetzung der virtuellen Zusammenarbeit

Bei der virtuellen Zusammenarbeit sind Startups schon vor der Krise ganz vorn dabei gewesen. Dass digitale Tools und Videokonferenzen effizient sein können und (Reise-)Kosten sparen, merken die meisten Unternehmen jetzt erst – uns bei XPRENEURS eingeschlossen.

Klar, wir kennen die Tools von unseren Startups. Erst jetzt aber haben wir wirklich gesehen, was alles möglich ist. Etwa virtuelle gemeinsame Frühstücke und Feierabendrunden. Oder auch Community-Events wie Powerpoint-Karaoke und Montagsmaler-Runden. Nicht ganz das gleiche wie ein Austausch beim Kaffee im Office, aber definitiv kein schlechter Ersatz!

Startup-Finanzierung in der Corona-Krise

Startup-Finanzierung in Zeiten von Corona

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Startups, die ein Investment suchen oder eine Finanzierung benötigen? Auch das erlebe ich derzeit bei XPRENEURS aus erster Hand bei unseren Startups mit.

Allgemein ist es derzeit aus mehreren Gründen schlagartig schwieriger geworden, an Geld zu kommen:

  • Die meisten VC-Fonds halten in der Krise ihr Geld zusammen. Sie nutzen ihre Mittel lieber, um ihrem bestehenden Startup-Portfolio durch die Krise zu helfen. Zwar verkünden sie es nicht offensiv, aber wer in diesen Tagen bei VC-Fonds nach Geld fragt, hat ziemlich schlechte Karten. Das gilt auch für internationale VC-Fonds.
  • Von den Milliarden Euro angekündigter staatlicher Unterstützung ist bei den Startups bis jetzt noch nichts angekommen. Anders als andere Kleinunternehmen fallen sie aus dem Raster für normale Soforthilfen, weil sie keine positiven Bilanzen der letzten Jahre vorweisen können. Es ist deswegen noch unklar, wie die Hilfen vergeben werden sollen. Konkrete Ideen zur Unterstützung gibt es nur bei Startups, bei denen aktuell eine Investitionsrunde ansteht: Hier füllt der Staat die Lücke mit Co-Investments, was ich persönlich für eine gute Lösung halte.
  • Viele Business Angels sind von der Corona-Krise verunsichert oder haben durch sie sogar Geld verloren. Auch diese Business Angels halten ihr Geld derzeit lieber zusammen.

Es gibt allerdings auch Lichtblicke:

  • Startups mit starken Ideen, Geschäftsmodellen und Teams werden es auch in diesen Zeiten schaffen, Investorinnen und Investoren von sich zu überzeugen. Wer die Corona-Krise sogar nutzt, um neue Ideen zu entwickeln, könnte sogar von der Krise profitieren.
  • Manche Investoren haben gerade jetzt durch Krisenverkäufe Cash zur Verfügung, das sie investieren wollen. Ich kenne einige Business Angels, die ihr Geld am Anfang der Corona-Krise noch schnell aus der Börse gerettet haben. Bevor das nun auf dem Girokonto versauert, suchen sie nach anderen Investments – zum Beispiel Startups.
  • Die ganz großen finanziellen Rahmenbedingungen haben sich durch die Corona-Krise nicht geändert. Noch immer gibt es eine relativ große Zahl von Investorinnen und Investoren, die in einer Nullzinswelt andere Renditequellen suchen und sie in vielversprechenden Startups finden.

Mein Fazit zur Situation von Startups in der Corona-Krise

Meine Prognose für die Situation von Startups in der Corona-Krise und danach ist daher differenziert. Einige Startups, die es ohne Corona geschafft hätten, werden unverdient auf der Strecke bleiben. Vielen Startups wird aber ihre hohe Adaptionsfähigkeit helfen, durch die Krise zu kommen.

Die Corona-Krise ist eine Zeit der radikalen Veränderungen. Und diese bringen immer auch Chancen mit sich – Stichwort „kreative Zerstörung“. Wer ein starkes Projekt hat, wird überleben. Wer weiß – vielleicht sind die DAX-Unternehmen 2030 die Gewinner-Startups der Krise von heute?

Krisenfeste Infos für Startups auf der Suche nach einer Finanzierung

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